Swäbische Zeitung 2006.10.09

SIGMARINGEN

Musik der Fremde ist schön und faszinierend

SIGMARINGEN (sgr) Wie angekündigt, hat der Alte Schlachthof sein Herbstprogramm mit einem Paukenschlag, richtiger, mit einem Changgu-Schlag, eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem SWR Baden-Baden konnten die Verantwortlichen das weltweit einzigartige Quartett "Drei Zett Plus" gewinnen.

Das Quartett, bestehend aus drei hochkarätigen asiatischen Musikern und einer Alaskanerin, war ein ungewöhnlicher Augen- und Ohrenschmaus, das allein schon durch die Optik bestach. Da war Jocelyn Clark aus Alaska, die das "Kayagum", die koreanische Variante der ursprünglich chinesischen Kastenzither spielte und der Koreaner Il-Ryun Chung, dessen Changgu-Trommel unverzichtbarer Bestandteil koreanischer Kayagum-Musik ist. Beide gehören zu den Gründern von "Drei Zett Plus" und beide traten in traditionellen koreanischen Gewändern auf.

Erst seit einem Monat bereichern die Japanerin Ryoko Mizutani und die Taiwanesin Yi-Chieh Lai das Ensemble, wie Il-Ryun Chung in einem Gespräch erzählte. Ryuko Mizutani, gewandet in einen lachsfarbenen Kimono aus schimmerndem Stoff, spielte das Koto, die japanische Version der Kastenzither und Yi-Chieh Lai, ganz dem Klischee der zarten Chinesin entsprechend und in ein schmales weißes Seidenkleid gehüllt, vertrat mit dem Zheng - die originale chinesische Kastenzither mit 21 Saiten - die klassische chinesische Musik. Diese einzigartige Besetzung aus einer Kombination von drei der wichtigsten Wölbbrettzithern Ostasiens plus koreanischer Schlaginstrumente spiegelt sich im Namen des Quartetts und in ihrer Musik wieder.

Letztere bietet überraschende Einblicke in musikalische und kulturelle Interaktionen zwischen China, Japan und Korea im Spannungsfeld von Amerika und Europa, was auch die Biographie aller vier Musiker erklärt, die aus den USA, Japan, Taiwan und Korea stammen, wobei Il-Ryun Chung einen nicht unerheblichen deutschen Anteil mit einbringt, ist er doch in Frankfurt am Main geboren und hat in Berlin studiert.

Das Publikum war dem Deutsch-Koreaner für seine Interpretationen dankbar, denn nur so konnte man ungefähr die dargebrachte, für europäische Ohren völlig ungewohnte Musik, die in der Regel keine Harmonien aufweist, nachvollziehen. Für den unbedarften Zuhörer entstand manchmal der Eindruck, dass jede der drei Zithern - im Zusammenspiel, wohlgemerkt - eine eigene Intonation entstehen ließ, zusammengehalten von koreanischer Perkussion, wobei auch deren Rhythmus anderen Gesetzen als den gewohnten folgte. Gleichwohl übte diese neue Dimension des Hörens eine eigenartige Faszination aus, zumal die Klangkompositionen oft eine überaus entspannende Wirkung ausübten und innere Bilder einer anderen Welt entstehen ließen.

Ein Blick auf Instrumente

In der Pause konnte sich das Publikum die Zithern, deren Wurzeln in China liegen und sich in den verschiedenen Ländern höchst unterschiedlich entwickelt haben, genauer ansehen. Lange, gewölbte, innen hohle Holzbretter bilden den Klangkörper, der mit unterschiedlich vielen Saiten, die jede ihren eigenen beweglichen Steg hat, bestückt ist. Wird die koreanische Kayagum nur mit den Fingerkuppen gespielt und jeder Nachhall unterdrückt, kann die chinesische Zheng perlend und klar wie eine Harfe gespielt werden, wobei das nur eine Nuance ihrer Ausdruckskraft ist. Ebenso die japanische Koto, die unter den beweglichen Fingern Ryuko Mizutanis manchmal sogar wie eine Mandoline oder Balalaika klang.

Dieser ganz besondere Abend hätte auf jeden Fall mehr Zuschauer verdient. Zwar wird das Konzert am 2. Februar 2007, um 19.05 Uhr im SWR 2 ausgestrahlt, doch gewinnt diese Musik ganz wesentlich auch durch den visuellen Eindruck. }

Die Taiwanesin Yi-Chieh Lai spielt auf dem Zheng - die originale chinesische Kastenzither. Foto: Susanne Grimm (Stand: 09.10.2006 00:16)